Jedes Mal, wenn Chad aufs Meer schaut, versteh ich nicht was er macht. Er verfällt in eine Art Trance und ist eine Minute lang nicht ansprechbar.
"Also, Chad?", frage ich ihn dann erneut. "Können wir heute surfen?"
Surfen mit Charles #
Der Regen prasselt auf das Meer. Es sind hunderte kleiner Regentropfen, ein Sprühregen, welcher der feuchten Hitze Einhalt gebietet. Ich sitze am Surfbrett und werde nass – von unten und von oben.
Plötzlich ruft Charles inbrünstig:
"Niq! This is your wave!"1
Die Welle kommt und er soll recht behalten. Es wird nämlich die erste Welle des Tages, die ich erfolgreich bis zum Strand reite. Die Chemie mit Charles ist perfekt. Er hat eine Art mich zu motivieren, mich anzufeuern und mir Mut zuzusprechen.
Wir paddeln gemeinsam zurück aufs Meer. Als kurz vor dem Lineup eine große Welle droht, uns unter sich zu begraben, bringt er mir einen neuen Trick bei. Dafür lege ich mich flach mit dem Bauch auf das Surfbrett und halte mich an den Seiten fest. Kurz bevor die Welle bricht, drehe ich das Surfbrett um, sodass mein Körper unter Wasser taucht und die Unterseite des Surfbretts nach oben schaut: der Turtle Dive. Anstatt mich der Welle zu ergeben, tauche ich einfach darunter, drehe mich samt Brett danach wieder an die Oberfläche und paddle unbeschwert weiter.
Wir erreichen das Lineup und das Surfen für Fortgeschrittene geht weiter. Ich möchte lernen am Surfbrett zu sitzen, verkünde ich Charles. Anstatt gen Strand gerichtet bäuchlings am Surfbrett zu warten bis die Welle kommt, setze ich mich aufs Brett und lass die Beine an den Seiten ins Wasser hängen. Ich bekomme ein Gefühl für die Balance, die von mir abverlangt wird, und schaue hinaus aufs Meer. Vorbei sein soll die Zeit, wo man mir vorgibt, welche Welle ich zu reiten habe. Ich will die Wellen selbst beobachten.
Dann ruft Charles in seiner üblichen, anspornenden Art: "Let's go, Niq!"2 Hektisch paddle ich auf der einen Seite des Surfbretts, sodass es sich Richtung Strand dreht. Doch die Welle kommt zu plötzlich und der "Turn" gelingt nicht. Schaut leichter aus, als es ist.
Ich bin nass, gefüllt so nass wie noch nie in meinem Leben. Der Regen hört nicht auf doch das Surfen macht Spaß. Ich bin bereit für neue Herausforderungen!
Das "Last Wave" Problem #
Chad ist die personifizierte Geduld. Nicht nur scheint seine Geduld grenzenlos, sondern ebenso seine Energie. Wir sind schon eine Stunde im Wasser und vor lauter Paddeln fallen mir fast die Arme ab. "One last wave?"3, fragt er mich hoffnungsvoll, als er sieht wie kaputt ich aussehe.
Doch heute lerne ich, dass es mental was mit einem macht, wenn man die "letzte Welle" des Tages verkündet. Es erzeugt Druck, den man beim Surfen nicht gebrauchen kann. Platsch! Die Welle kommt, doch mich schmeißt es gleich ins Wasser. Chad bleibt hartnäckig, doch heute hab ich keine Lust mehr.
Surfen mit Chad #
Obwohl die Chemie mit Charles stimmt, wird Chad zu meinem neuen Surflehrer. Abgesehen davon, dass er gleich an unserem "Hausstrand", North Shore zu finden ist, ist er ganz einfach ein supernetter Typ.
"Take it easy",4 sagt er, als wir am Lineup warten und eine geeignete Welle kommt. Den Stress, den ich mir beim Turn immer mache, hat er schon beobachtet. Er, der entspannteste Filipino der Welt, hat leicht reden. Aber der Turn stresst mich immer noch.
Auch das Paddeln macht mir zu schaffen. Eines Tages gibt mir Chad den Tipp, die Hände zu einer Schaufel zu formen und beim Paddeln möglichst tief ins Wasser zu greifen. Auf diese Weise ist weniger Kraft erforderlich und die Energiereserven sind nicht so schnell aufgebraucht. Doch bei allen guten Tipps bleibt das Paddeln meine größte Herausforderung. Die Schwierigkeit besteht darin, die erforderliche Kraft aufzubringen, dass man an die Spitze der Welle paddelt und den Pop-Up macht, um schlussendlich diese heißersehnte Gefühl der Glückseligkeit zu verspüren, die ein Wellenritt in sich trägt.
Kleine Korrekturen gibt es von Chad auch hinsichtlich meiner Positon am Brett. Ein Stück weiter vorn und die Nosedives nehmen tatsächlich ab. Die Beine zusammenzuhalten ist ebenfalls ein Ratschlag, den ich verinnerliche.
Der Klimawandel und das Surfen #
Eigentlich ist die Saison längst vorbei, weiß Sunny, Sophias Surflehrer. Ab Juli spielen die Winde hier in Baler nicht mehr mit. Doch diese Saison ist alles anders, erklärt uns eines Tages Twinkle, eine Filipina, die wir in der Surfhütte kennenlernen. Der erwärmte Ozean begünstigt die Bildung von Taifunen, weit draußen am Pazifik. "That means wind for us Baler people."5
Auch andere Natureinflüsse sind wichtig für gute Surfbedingungen. Bei Flut brechen die Wellen in tieferem Wasser, während diese bei Ebbe näher an der Küste brechen. Und zu guter Letzt wären da natürlich noch Unterwasserströmungen, die einen auf den Ozean hinausziehen und einerseits dabei unterstützen können zum Lineup zu gelangen, doch anderseits auch extrem gefährlich werden können.
Die letzte Technik, die ich bei Chad lerne ist das Anchoring. Ziel ist es, seine Position am Lineup beizubehalten und den möglichen Strömungen entgegenzuwirken. Dabei hilft es, eine Stelle an der Küste visuell zu fixieren, der als Anhaltspunkt dient, sollte man abgedriftet werden.
Chad und das Surfen #
Wenn Chad surft, gibt es nur ihn und die Wellen. Er vergisst auf alles andere. Es gibt keinen Raum für andere Gedanken, verlangt das Surfen doch seine ganze Konzentration. Entgegen meiner Erwartung, dass Filipinos, die am Meer leben, schon im Kindheitsalter das Surfen erlernen, sowie Kinder in Österreich das Schifahren, war das bei Chad anders.
Vor sechs Jahren erst hat er damit begonnen. Dank der heftigen Wellen und schroffen Felsen von Cemento, seinem Barangay in Baler, hasste er es zu Beginn. Doch seine Freunde und Cousins machten ihm Mut. Als er dann begann, bei North Shore zu surfen, war schlagartig alles anders. Plötzlich liebte er das Surfen und spürte, was es ihm bedeutete.
Seit sechs Monaten arbeitet er inzwischen als Surflehrer. Oft schläft er am Wochende in der Surfhütte, anstatt die halbe Stunde zurück nach Cemento zu fahren. Anfangs schlief er einfach auf seinem Surfbrett, heute gibt es in der Hütte sogar kleine Betten.
Wenn ich Chad zuhöre, wie er von seiner Leidenschaft erzählt und ich an alles denke was ich in Baler gelernt habe, wird mir schnell bewusst, wie sehr sich unsere Welten unterscheiden:
Wir wollen zu VIEL. Filipinos wollen nur surfen.
Letztlich verstehe ich, was Chad denn tatsächlich macht, immer dann, wenn er in diesen tranceartigen Zustand verfällt, obwohl ich ihn eigentlich nur gefragt hatte, ob wir heute surfen gehen können.