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Niqs Reisen

Hanok

Heimlich im Hanok hausen.

Paul meint es bestimmt nur gut. Doch ist er jemand, der nicht besonders interessiert an anderen Menschen scheint—hat er selbst doch so viel vermeintlich Interessantes der Welt zu verkünden. Außerdem ist er jemand, der über alles recht gut Bescheid zu wissen glaubt. Was wir uns von der Woche in Seoul erwarten zum Beispiel. Paul ist ein etwa 1,70m großer Mann Mitte 40 mit einem Gesicht, das zu sagen scheint "Ich habe schon alles gesehen".

Als unser Gastgeber besteht er darauf, Empfehlungen auszusprechen, nach denen wir nie gefragt haben. Er empfiehlt den Flohmarkt und den Lotte World Tower. Außerdem empfiehlt er das City Bike Seoul. Er ist begeistert von dessen einfacher Handhabung—einer App, die simpel in der Bedienung ist und obendrein kein Koreanisch erfordert (wie sich später herausstellt stimmt weder das eine, noch das andere). Wir als Europäer fahren doch bestimmt gerne Fahrrad, beschließt er—erneut ohne daran zu denken, uns zu fragen, ob wir denn wirklich gerne Fahrrad fahren.

Paul wurde zwar in Korea geboren, wanderte allerdings bereits mit acht Jahren nach Vancouver aus. Dieser Umstand erklärt, warum Paul einerseits so gut Englisch spricht und andererseits so überhaupt gar nicht in das Bild passt, dass ich von koreanischen Menschen habe. Er ist aufbrausend, aufdringlich und laut, wohingegen doch das koreanische Naturell reserviert, schüchtern und leise ist. Und von Europa scheint er ein äußerst verzerrtes Bild zu haben. Ganz Europa, weiß er, ist politisch rechts orientiert. Die Gen Z, behauptet er, versteht nicht was im zweiten Weltkrieg passiert ist. Die Nazis, ist er überzeugt, sind am Vormarsch. Paul weiß einfach Bescheid.

Als wir in seinem Hanok ankommen—einem traditionellen Wohnhaus in Korea, lässt er es sich nicht nehmen, die Geschichte jedes einzelnen Einrichtungsgegenstandes zu erzählen—erneut eine Information, nach der wir nie gefragt haben.
Eine der Holztruhen im Schlafzimmer war gefüllt mit Schmuck.
Der Kasten gegenüber der Holztruhe war der Aufbewahrungsort vom Schmuck.
Der Gehstock von der Oma ist jetzt der Vorhanghalter in der Küche.
Der andere Vorhanghalter war der Gehstock vom Opa.
Beide der Gehstöcke—versteht sich—waren Birkenäste, die zuvor der Blitz getroffen hatte.
Die Ming-Vase ist 200 Jahre alt.
Die Originaltür vom Hanok, das auch schon über 100 Jahre alt ist, ist noch erhalten.
Das Feng Shui hier ist—wie soll es auch anders sein—perfekt.
Das Leitungswasser können wir trinken—trotzdem entdecken wir später Wasser aus der Plastikflasche im Kühlschrank.
Oh, und Korea ist übrigens sehr sicher.

"Die weiße Decke des Hanok mit seinen dicken hellbraunen Querstreben aus Holz."

Er könnte noch stundenlang weiterreden, aber ich kann ihm keine Minute länger zuhören. Und endlich lässt uns Paul in Ruhe.

Heimlich Wäsche waschen #

Dank dem tollen Feng Shui hier, bin ich die folgenden Tage pünktlich um 06:30 Uhr wach. Das Licht, das durch das Küchenfenster in das Hanok gelangt, blendet mich morgens wach, weil die Schiebetür, welche die Küche von Schlafzimmer trennt, durchsichtig ist.

Super Feng Shui! Danke Paul!

"Der Blick aus dem Bett, das am Boden ist auf die durchsichtige Schiebetür, durch die das morgendliche Licht durchdringt."

Eines Tages wollen wir Wäsche waschen. Paul hat uns zwar angeboten, wir könnten bei ihm im Nebenhaus waschen, doch nach dieser langwierigen und anstrengenden Begrüßung entscheiden wir, möglichst jede weitere Interaktion mit ihm zu vermeiden. Wir stopfen also alles, was wir an Kleidung besitzen, in unsere Stoffsackerl1 und schleichen durch den Hof Richtung Straße. Natürlich erwischt uns Paul dabei. Ob wir schon zum besten koreanischen BBQ in der Nachbarschaft gegangen sind, wie von ihm empfohlen? Was wir denn heute vorhaben? Etwa ein Besuch beim Lotte World Tower? Den hatte er doch auch empfohlen!

"Eine kleine verwinkelte Gasse neben einem roten Backsteinhaus, an dessen Ende Sophia um die Ecke geht."

Paul, du Depp—lass uns doch einfach heimlich Wäsche waschen.

Heimlich das Hanok lüften #

Am nächsten Morgen frühstücken wir zuhause. Im Hanok steht die Luft. Trotz des strömenden Regens, den der Monsun bringt, ist es unheimlich heiß. Sophia öffnet die Tür des Hanok, damit uns die kühle Luft erreicht. Ob das eine gute Idee ist, frage ich mich? Paul könnte doch jeden Moment aus dem Nichts auftauchen mit dem ultimativen Ziel, uns auf die Nerven zu gehen. Aber angenehm kühle Luft in diesem tropischen Klima wäre halt schon gut, denken wir. Wer wird schon so aufdringlich sein, dass er uns bei unserem Frühstück stört? Auch Pauls Unverschämtheit hat seine Grenzen, entscheiden wir.

Keine fünf Minuten steht er vor der Tür. "How you doing?"2, fragt er—oberflächlich wie eh und je, als ich gerade mein Frühstücks-Onigiri3 in den Mund stecke.

Was wir denn gestern so gemacht haben?
Und was haben wir denn heute vor?
Ist das Hanok nicht einfach perfekt?
Und das Feng Shui?
Echt toll oder?

Die Unverschämtheit und Aufdringlichkeit von Paul ist anscheinend doch grenzenlos. Ich bin überzeugt, dass kein anderer Airbnb-Host in Korea sich so sehr in die privaten Vorhaben von Reisenden einmischen würde.

Paul, du Koffer—können wir bitte heimlich das Hanok lüften?

Heimlich zum Naksan Park aufbrechen #

Zwei Tage darauf stellen wir fest, dass es für einen Ausflug in den Bukhansan Nationalpark zu spät ist, den ich bei meinem ersten Besuch in Korea vor acht Jahren besucht hatte. Der Naksan Park, der sogar zu Fuß erreichbar ist, soll eine nette Alternative darstellen. Kaum machen wir nur einen Schritt aus dem Hanok, begegnen wir—wie sollte es auch anders sein—dem lieben Paul.

Erneut verwickelt er uns in ein Gespräch, das wir nicht führen wollen, voller Tipps, die wir nicht hören wollen, voller anstrengender Anekdoten, voller Paul.

Paul, du Trottel—wir wollen doch nur heimlich zum Naksan Park aufbrechen.

Heimlich im Hanok hausen #

In sengender Hitze und zur Geräuschekulisse der koreanischen Zikade spazieren wir zum Naksan Park und müssen uns darüber auslassen, wie anstrengend dieser Mensch doch ist. Alles müssen wir im Heimlichen machen, und doch erwischt er uns jedes Mal dabei.

Und so gut es uns in seinem Hanok auch gefällt, hätten wir über Paul vorher Bescheid gewusst, wir hätten wohl eine andere Unterkunft gebucht.


  1. Aus dem Österreichischen, zu Deutsch: "Jutebeutel" ­­­­­­↑
  2. Ein sehr legeres und oberflächliches "Wie geht's"? ­­­­­­↑
  3. (Fantastische) Reisbälle mit Füllung wie Thunfisch-Mayo oder Pflaumencreme. ­­­­­­↑
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