Der Tag beginnt wie fast jeder hier in Baler. Nach dem Aufstehen wollen wir surfen. Am Strand treffen wir Chad, der ganz grundsätzlich schon eine sehr langsamen Art hat, doch heute noch langsamer ist, weil er noch nicht ganz wach ist. Die Frage, ob wir surfen können, wird erst beantwortet, nachdem Chad eine Minute lang aufs Meer schaut, eins mit dem Ozean wird, nur um uns zu verkünden, dass es heute nicht einfach wird.
Eine Stunde später bringe ich dabei fast einen Bodyboarder um, der im Gegensatz zu den klassischen Surfern die Wellen im Liegen reitet. Mein Surfbrett reitet eine Welle ohne mich und zieht meinen Körper hinter sich her, da es noch mit der Leash an meinem Knöchel befestigt ist. Dabei erwischt es fast eben jenen Bodyboarder. Später, als wir bei der Hütte einen Kaffee trinken, entschuldige ich mich tausend Mal bei ihm. "No worries",1 sagt Rodel, auch Rodelski genannt, völlig entspannt.
Rodelski ist neugierig, wie es zwei europäische Touris wie uns an einen Ort wie Baler verschlägt. Wir erzählen von unseren Abenteuern, von dem Wunsch nach ein bisschen Alltag auf dieser langen Reise und dem System "Bildungskarenz", dem wir diesen Aufenthalt in der Welt verdanken. Ich komme mir dabei wie ein reicher, privilegierter Europäer vor und spüre wie ungerecht die Welt ist, als ich ihm erzähle, dass unser Trip quasi vom österreichischen Arbeitsamt finanziert wird, während es die Welt jemanden, der auf den Philippinen lebt, viel schwerer bis nahezu unmöglich macht, durch die Welt zu reisen.
Rodelski lädt uns herzlich ein, einen Ausflug zum nahegelegenen Damm zu machen und den Müll dort einzusammeln oder einmal Bodyboarding auszuprobieren. Er ist aufgeschlossen, neugierig und wissbegierig. "See you around"2, sagt er, als er aufbricht.
Romblon und Reisen abseits des Tourismus #
Chad stammt usprünglich gar nicht aus Baler, sondern von der Inselprovinz Romblon. Dabei handelt es sich um eine abgelegene Inselgruppe inmitten der Philippinen. Um Chads Heimat zu erreichen, muss man eine Fähre von Batangas nehmen, ganz im Süden Luzons. Die Überfahrt dauert zehn bis elf Stunden. Unweit seinem Heimatort liegt eine traumhaft schönen Insel, die nur erreichbar ist, wenn es die Gezeiten zulassen.
Als ich das höre bekomme ich ganz große Augen. Romblon wirkt wie ein Ort, abseits der üblichen touristischen Destinationen der Philippinen.
Am liebsten würde ich sofort dorthin reisen, doch stelle fest, dass ich online nicht mal Fährentickets von Batangas nach Romblon finde. Als Konsequenz will ich es natürlich nur umso mehr.
Kalinga und das Reisen auf den Philippinen #
Twinkle hat schon viele Orte in ihrem Heimatland besucht.
Sie sucht nach dem richtigen Wort, um ihre Begegnung mit der Tätowiererin Apo Whang-Od zu beschreiben und landet bei "star-struck", ein Begriff der kein direktes Pendant im Deutschen findet, sich jedoch am ehesten als "fasziniert von einer Berühmtheit" übersetzen lässt.
Es war eine tiefsinnige Erfahrung, die sie machte, als sie in den Bergen von Kalinga ankam, über Reisterrassen wanderte und die traditionelle Lebensart des Kalinga-Stammes beobachtete. Obwohl beide Filipinas sind, konnte Twinkle mit Whang-Od nicht kommunizieren. Während ihre Sprache, das Tagalog, maßgeblich von der jahrhundertelangen spanischen Besatzung beeinflusst wurde, wirkt die Sprache der Kalinga "pur" und "unberührt", und die Menschen, die dort leben wie die Vorfahren der Filipinos.
Twinkle erzählt, dass man sich ein Tattoo aus einem Katalog aussuchen kann und üblicherweise gerade einmal 100 Pesos3 bezahlt, sie allerdings ein Trinkgeld gegeben hat, dessen Höhe sie nicht preisgeben möchte.
Sie liebt Palawan, El Nido und den Duli Beach, wo es Schildkrötenbabies gibt. Ganz stolz erzählt sie, dass die Philippinen insgesamt über 7706 Inseln verfügen. Aber nur bei Ebbe. Bei Flut sind es fünf Inseln weniger.
Der Geburtstag des Hundes #
Eines Abends sitzen wir erneut in der Surfhütte. Eine Flasche Gin macht samt Stamperl die Runde. Jemand hat Spaghetti Bolognese gekocht. Auch der Spaghettiteller wird herumgereicht.
Es ist der Geburtstag einer der Hunde, ich glaube von "Alright", einem der Abkömmlinge von Kabud. Zur Feier des Tages essen wir Spaghetti, trinken Gin und haben eine gute Zeit. In der Gruppe aufgenommen zu werden passiert von einen Moment auf den nächsten. Wir kennen Rodelski, Chad, Twinkle und die anderen gerade ein paar Tage lang, doch fühlt es sich so an als wären es bereits jahrelange Freundschaften.
Der Baler-Spirit #
In der Surfhütte abzuhängen bedeutet für mich loszulassen von der Zeitwahrnehmung, die der Alltag zuhause in Österreich vorgibt. Hier gibt es keine Termine, keine Uhrzeit nach der man sich richtet. Man geht surfen, wenn Chad gerade da ist und wenn es die Gezeiten zulassen. Hier herrschen andere Gesetze. Alles geht mehr nach Gefühl, weniger nach festen Strukturen. Man trifft Leute in der Surfhütte, die mal da sind und mal eben nicht. Das letzte Mal, dass es mir so leicht gefallen ist, Freunde zu machen, war wohl im Kindergarten.
Der Baler-Spirit nimmt Überhand.